Wien und Ankara testen Neustart für blockierte EU-Beitrittsgespräche

30.04.2026


Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) hat bei einem Treffen mit ihrem türkischen Amtskollegen Hakan Fidan in Wien einen Neustart der Beziehungen zwischen der Europäischen Union und der Türkei gefordert. Die seit 2018 faktisch eingefrorenen Beitrittsverhandlungen seien zu einem „Stolperstein“ geworden, sagte sie. Anstatt die Türkei der EU näherzubringen, hätten die formellen Gespräche die Distanz eher vergrößert, so Meinl-Reisinger. Sie plädierte dafür, die Zusammenarbeit nun in intensiven Diskussionen „auf neue Beine zu stellen“.

Die Ministerin verwies auf veränderte geopolitische Rahmenbedingungen und forderte einen deutlich strategischeren Ansatz Brüssels im Umgang mit Ankara. Es brauche einen stärkeren Fokus auf gemeinsame Interessen, „weniger Naivität und weniger Versprechungen, die nicht eingehalten werden können“. Zugleich würdigte sie die Rolle der Türkei als NATO-Mitglied für die europäische Sicherheit, verwies auf Ankaras Vermittlungsaktivitäten in verschiedenen Konflikten und auf die Aufnahme von syrischen Flüchtlingen. In all diesen Bereichen sei die Türkei ein „Schlüsselpartner“ für die EU.

Fidan bekräftigte bei dem Besuch die offizielle Linie seines Landes, wonach die Vollmitgliedschaft in der EU weiterhin das strategische Ziel der Türkei bleibt. „Unser Präsident hat diesbezüglich immer wieder unterstrichen, dass wir eine offizielle Politik haben, und zwar die Vollmitgliedschaft in der EU“, sagte er. Mit Blick auf mögliche Verpflichtungen als EU-Mitglied – etwa im Zusammenhang mit den EU-Sanktionen gegen Russland – verwies Fidan darauf, dass die einschlägigen Beitrittsbedingungen zu erfüllen seien. Details dazu ließ er offen.

Der Vorstoß aus Wien fällt in eine Phase, in der die EU ihren Erweiterungskurs nach Osten, Südosten und Norden neu ausrichtet und dies den türkischen Status als langjährigen Kandidaten erneut in den Fokus rückt. Seit 27 Jahren strebt Ankara einen Beitritt an, so lange wie kein anderer Bewerberstaat. Die lange Wartezeit und das anhaltende Einfrieren der Gespräche werden in der Türkei als Kränkung empfunden, zumal Österreich zu den Staaten zählt, die eine Vollmitgliedschaft in der Vergangenheit besonders kritisch gesehen haben. Meinl-Reisinger deutete nun an, dass dieser Kurs überprüft werden müsse – nicht durch neue Versprechungen, sondern durch eine realistischere, interessengeleitete Partnerschaftsarchitektur zwischen Brüssel und Ankara.

Zwei Jahre nach Pandemie-Ende: Post-Covid bleibt ein ungelöstes Versorgungsproblem

30.04.2026


Österreich tut sich weiterhin schwer mit der systematischen Betreuung von Menschen, die unter anhaltenden Folgen einer Corona-Infektion leiden. Eine neue Umfrage Wiener Fachleute unter mehr als 300 Post-Covid-Betroffenen zeigt deutliche Lücken im Versorgungssystem, obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits vor zwei Jahren den globalen Gesundheitsnotstand aufgehoben hat. Die Ergebnisse, veröffentlicht in der Wiener Medizinischen Wochenschrift, zeichnen ein konsistentes Bild: Viele Patientinnen und Patienten empfinden die medizinische Unterstützung als unzureichend und zu wenig strukturiert.

Die Studie unter Leitung von Karen Laureen Pesta von der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin – mit Klinikleiter Richard Crevenna unter den Co-Autoren – stützt sich auf eine digitale Befragung, die zwischen August und September 2024 durchgeführt wurde. Von 419 verschickten Fragebögen konnten 312 ausgewertet werden. Teilnahmebedingung war, dass die Befragten mindestens 16 Jahre alt sind, eine bestätigte Covid-19-Infektion hinter sich haben und über mindestens drei Monate hinweg anhaltende Symptome aufweisen. Knapp 84 Prozent der Befragten waren Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 43 Jahren.

Vor dem Hintergrund der österreichischen Infektionszahlen unterstreichen die Autoren die Dimension des Problems: Nach Schätzung der Wiener Wissenschafter entwickeln rund sechs Prozent der Infizierten länger anhaltende Beschwerden, die als Post-Covid-19-Syndrom oder Long Covid klassifiziert werden. Bei rund sechs Millionen bestätigten Infektionen im Land entspricht dies weit mehr als 100.000 Betroffenen, die potenziell auf eine langfristige, koordinierte Versorgung angewiesen sind. Laut WHO hätte nach der akuten Pandemie-Phase eine effektive Langzeitbetreuung für diese Gruppe etabliert werden sollen.

Nach Einschätzung der Studienteilnehmer bleibt dieses Ziel bislang unerreicht. In der zusammenfassenden Bewertung der Forscher heißt es, Patienten mit Post-Covid-Symptomen stuften die medizinische Versorgung in Österreich als unzureichend ein. Vor diesem Hintergrund bewerten die Autoren die geplante Einrichtung spezialisierter Zentren als medizinisch und wirtschaftlich sinnvoll. Sie argumentieren, dass eine strukturierte, multidisziplinäre Betreuung nicht nur die Versorgungslage für Betroffene verbessern, sondern auch Folgekosten für das Gesundheitssystem begrenzen könnte. Konkrete Umsetzungspläne bleiben Aufgabe der Gesundheitspolitik – der Handlungsdruck ist nach den nun vorliegenden Daten jedoch klar benannt.